Urban Exploration: Ihmezentrum Hannover

Urban was?

Bis vor einiger Zeit habe ich mit “Urban Exploration”, verkürzt “Urbex” nicht viel anfangen können. Auf Deutsch würde man Stadterkundung dazu sagen, was definitiv weniger attraktiv klingt. J.s Schwester begann vor einiger Zeit sich dafür zu interessieren und erzählte von aufregenden Abenteuern in denen sie verlassene Häuser, Fabriken oder ganze Geisterstädte erkundschaftete. Bei einer “Urbex” geht es nämlich hauptsächlich darum verlassene Orte auf eigene Faust zu erkunden.

Ganz ehrlich? Ich habe dieses Hobby in die Kategorie “klingt lustig” geordnet, nach dem Motto: In einer alten Ruine rumklettern und Fotos machen kann jetzt nicht so spannend sein. Ich sprach mit J.s Schwester darüber, dass sie eventuell mal mit nach Hannover kommen könnte. Aus eigenem Interesse und als Lockangebot schaute ich was Hannover für die Urbex Fraktion zu bieten hat. Da gibt es in der Tat eine ganze Menge, mit dabei das Ihmezentrum.

Ein Betonkoloss im Herzen von Hannover

Gebaut in den 1970ern, mit der Vision eine Stadt in der Stadt zu errichten. Wohnen, einkaufen, arbeiten, alles sollte an einem Ort möglich sein. In den letzten 20 Jahren hat es sich stetig zu einer (bewohnten!) Geisterstadt entwickelt. Ich selber erinnere mich, dass ich als Kind oft dort einkaufen war. Mit dem Auto ging es eine ziemlich steile Rampe runter in die Tiefgarage, das fand ich als Start immer aufregend. Die Tiefgarage erschien mir endlos groß und ein bisschen unheimlich an. Mit dem Fahrstuhl ging es unter anderem hoch zurück ans Licht und in einen großen Elektronikmarkt. Dieser war bis vor einigen Jahren der letzte wirkliche Magnet, der Kunden in das Ihmezentrum zog. Nach und nach sind alle Geschäfte ausgezogen.

An einen großen Schuhladen kann ich mich erinnern, dort luchste ich nach langem Generve meiner Mutter ein paar Buffalo-ähnliche Plateau Treter ab in denen ich eh kaum laufen konnte. (Boah, waren die hässlich!) Man konnte auf einer Ladenzeile umher schlendern und einkaufen. Und oft sind wir zum Schluss bei der “Nordsee” vorbei und haben Calamari gegessen. Schöne Erinnerungen sind das, deshalb hat es mich gepackt den Ort nach über 10 Jahren wieder zu besuchen und sich etwas umzuschauen. Ich holte meine beste Freundin ins Boot, die in der Nähe wohnt und als ich jetzt in Hannover zu Besuch war gingen wir mit unseren Kids auf unsere erste Urban Exploration.


Ein Eingang ist gar nicht so einfach zu finden. Wichtig zu erwähnen und was viele überrascht, gut 90% der Wohnungen sind vermietet bzw. bewohnt von den Eigentümern. Diese Wohnungen sind sehr beliebt, besonders wegen dem schönen Ausblick über Hannover. Die Anwohner haben natürlich eigene, gepflegte Eingänge, denen wir nicht weiter auf die Spur gegangen sind.

Dieser Treppenabgang sieht wenig einladend aus. Er führte zu der Tiefgarage, die voller Autos stand. Die Stadt Hannover ist vor Jahren als Mieter eingezogen, unter anderem befinden sich dort das Jugendamt und Büros der Stadtwerke.

Was soll aus dem Ihmezentrum werden? Das Thema wird heiß diskutiert in Hannover. Viele wollen diesen “Schandfleck” am liebsten abreißen. Das geht jedoch nicht so einfach, da viele Wohnungen eigene Besitzer haben und es eine finanzielle, wie umwelttechnisch schier unmögliche Aufgabe darstellen würde. Zum Glück gibt es Leute, die Potential im Ihmezentrum erkennen und zum Beispiel Urban Gardening betreiben.

Hier an dem offenen Platz kamen viele Erinnerungen, keine klaren, aber Erinnerungen daran, das an diesem Ort früher Leben herrschte. Ich meine in der Nähe des weißen pilzartigen Fensterrondells befand sich eine Eisdiele.

Wir sind den Wegweisern zum Jugendamt gefolgt und landeten so im Innern des Ihmezentrums. Den Weg geht man entlang, wenn man zum Jugendamt muss. Da wird ein Behördengang gleich zum großen Abenteuer.

Wie schon erwähnt, die Wohnungen sind fast alle in Privatbesitz oder vermietet. Auf dem unteren Bild lässt sich erahnen was für einen herrlichen Ausblick man von einem der Balkone und der Lofts hoch oben haben muss. Meine Freundin sagte es treffend: “Lieber im Ihmezentrum mit traumhaftem Ausblick wohnen als gegenüber in einem schicken Haus und aufs Ihmezentrum blicken.”

Überall lässt sich erahnen, dass hier einst mehr los war. Es wirkt an vielen Stellen, als wurde das Ihmezentrum fluchtartig verlassen. Hastig wurden Bauzäune um die Ecken gestellt, die keiner betreten soll und um die sich keiner kümmern mag. Ja, es blieb nicht mal Zeit die Tür nach dem letzten Klobesuch zu schließen…

Mein Urbex Fazit

Das war meine also erste Urban Exploration, ich nenne es die Urbex – Light. Ich bin wohl zu gemütlich für das Hobby, motiviertere Urban Explorerer wären sicher noch ein bisschen mehr umher gelaufen und hätten vielleicht aktiver hinter den ein oder anderen Zaun geschaut. Mit den Kindern im Schlepptau wollten wir jetzt keine unnötigen Risiken eingehen. Ich kann nun definitiv besser nachvollziehen was die Faszination dieses Hobbys ist, man kann selbst etwas entdecken, Orte an die nicht jeder geht oder schon lange niemand mehr war.

Unser Ausflug war auch voller Nostalgie und der Gedanken, wie verdammt schade es ist, das Ihmezentrum sich selber zu überlassen. Immer wieder gibt es Investoren, die großes Planen (wie aktuell) und dann geschieht nichts. Warum Neues bauen statt Altes aktuellen Bedürfnissen der Menschen und Umwelt anpassen?

Benannt wurde das Ihmezentrum aufgrund der Nähe zum Fluss Ihme. Auf Finnisch heißt Ihme (sprich: Ichme) übrigens Wunder. Ich hoffe es geschieht bald ein Wunder und es finden sich (mehr) Menschen, die sich trauen nachhaltig das Wunder (wieder) oder besser ganz neu zu erwecken. Ich komme zur Eröffnung vorbei, aber in Schuhen denen ich gut laufen kann!

Interessantes zum Weiterlesen:

Experiment Ihmezentrum, besonders interessant auf dieser Seite Das Ihmezentrum im TV und das Ihmezentrum bekam eine Hymne. Dieser Blog ist wirklich sehr empfehlenswert!

Wikipedia bietet viele Infos zum Bau, alte und aktuelle Nutzung des Ihmezentrums.

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