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Geburtsbericht – Meine Hausgeburt in Finnland

Mittlerweile ist unsere kleine L. kein Baby mehr, ihre Geburt liegt ein Jahr zurück. Unglaublich, wie schnell die Zeit verging. Und wie es eben mit Kindern ist, alles dauert länger, auch einen Bericht zu meiner Hausgeburt im letzten November zu verfassen. Nach der ersten Geburt habe ich ziemlich schnell einen Geburtsbericht im Blog veröffentlicht und später immer wieder dran rumgefeilt. Dieses Mal wusste ich, ein Abstand tut gut. Natürlich ist es eine individuelle Entscheidung überhaupt davon zu erzählen. Ich lese Geburtsberichte gerne und freue mich selber ein paar Eindrücke von diesem besonderen Erlebnis zu teilen.

(Fotos sind leider wenige entstanden oder es wurden Schnappschüße, die mir wiederum zu privat waren. Deshalb bitte nicht wundern über eine Bebilderung mit dunklen Fotos.)

Mein Wunsch: eine Hausgeburt

Nur rund 50 Geburten pro Jahr sind Hausgeburten in Finnland. Es gibt eine wachsende Zahl ungeplanter, außerklinischer Geburten, was ein anderes (interessantes) Thema wäre. Geplante Hausgeburten jedoch sind selten, ein Grund ist wohl, dass sie selbst bezahlt werden müssen und viele über die Möglichkeit zu Hause zu gebären gar nicht Bescheid wissen.

Der Wunsch nach einer Hausgeburt entstand bei mir mit Abstand zur Geburt von A. Ich wollte beim zweiten Mal die Hebammen vorher kennenlernen und die Geburt besprechen können. Zudem wusste ich jetzt viel genauer was ich mir für eine Geburt wünschte, ich wollte „mittendrin, statt nur dabei” sein.

Eine Hebamme, die ich aus der ersten Schwangerschaft kannte, konnte leider terminlich nicht die Geburt begleiten. Sie empfahl mir weitere Hebammen. Wie es der Zufall wollte, eine Hebamme, Ria war mir bekannt durch ihr Geburtsvideo, das mir schon vor Jahren in meine Twittertimeline gespült wurde. Meine Entscheidung war schnell für sie gefallen! Sie begleitete mich seit dem Sommer und im Herbst lernte ich Emmi kennen, die zweite Hebamme für meine Hausgeburt.

Ein Mittwoch Mitte November

Der Tag der Geburt startete unspektakulär, es war sieben Tage nach dem errechneten Termin. Wie den Tag davor arbeitete J. im Homeoffice. Ich ging mittags spazieren von unterwegs sendete ich einer Freundin eine Audionachricht. Ich vermeldete, dass heute kein Baby mehr zu erwarten sei. Irgendwie hatte ich den Tag zu nichts Lust, das Serienschauen und Häkeln, was ich die Tage zuvor gemacht hatte, langweilte mich. Ich machte für eine Stunde einen Mittagsschlaf, länger als sonst. (Mein Körper ahnte wohl, dass ich Kraft brauchte.)

Es war ein grauer Tag, gegen halb vier, kurz bevor es dunkel wurde, kam plötzlich die Sonne für einen Moment raus. Da ahnte ich noch nicht, dass in gut zwei Stunden, die Geburt starten würde.

Wir verbrachten einen normalen Nachmittag zu Hause und aßen Abendbrot. Es war viertel nach fünf, ich musste zur Toilette und fragte mich, ob ich mir in die Hose gemacht hatte. J. sagte sofort, das sei Fruchtwasser. Ich schrieb mit den Hebammen und ging immer wieder zum Klo. Ich war mir ziemlich sicher, das war noch kein Geburtsstart.

Gut eine Stunden später, gegen halb sieben spürte ich ein leichtes Ziehen im Rücken und ich vermutete Wehen. Ich dokumentierte zwei dieser Wehen, Abstand 15 Minuten. Ich beschloss, das sind nun Wehen. Das war übrigens meine erste und letzte „Dokumentation” der Wehenabstände während der Geburt.

Es wurde ernster

Ich hatte das Gefühl, als habe ich Hummeln im Hintern. Ich konnte nicht still bleiben und machte in der Küche sauber, hörte dabei einen Podcast. Wir überlegten was wir mit A. machen sollten, ob wir ihn schon vorsichtshalber, wie geplant zur Oma schicken? Doch, nach Rücksprache mit den Hebammen, entschieden wir uns erstmal dagegen. Immerhin konnte dieser Zustand, in dem ich zwar etwas Wehen hatte, aber nichts richtig passierte, viele Stunden anhalten.

Doch es dauerte nicht lange und plötzlich fühlten sich die Wehen intensiver an. Um 20 Uhr beschlossen wir die Oma zu rufen, dass sie A. abholen kommt. Dieser wartete sehnsüchtig auf die angekündigte Taxifahrt. In der Zeit, in der wir auf die Oma warteten, wurden die Wehen nun stärker. Ich wanderte weiterhin umher.

Mittlerweile war ich zu der Einsicht gekommen, dass die Geburt im Gange sei und bereitete zurechtgelegte Sachen vor. (Machte mir Tee, hang die Motivationssprüche auf, die mir in dem Moment zusagten. Ich kämmte meine Haare und steckte sie hoch. Bei der ersten Geburt hatte ich offene Haare und danach ein verfilztes Knäuel am Kopf.) Die Hebammen hatten schon zu Beginn der Rufbereitschaft ihre Utensilien zu uns gebracht, es fehlten bloß sie, das beruhigte mich.

Hausgeburt in Finnland
Utensilien der Hebammen, ganz vorne der Pool und meine für die Geburt vorbereiteten Sachen.

Die Wehen kommen und gehen

Ich stützte mich zeitweise während der Wehen auf unserem Trimrad ab. Ich überlegte, ob ich die Hypnobirthing CD anmachen wollte, doch allein der Gedanke an die Stimme ließ mich innerlich explodieren. Dafür machte ich die Naturmusik CD an, wie bei der Geburt von A. (Eine günstige CD aus der Drogerie, die ich seit über 15 Jahren oft zur Entspannung höre.) Sobald die Musik erklang, merkte ich, wie ich entspannte. Ich sackte regelrecht ein, Anspannung fiel von mir.

Um 20 Uhr 47 schrieb ich den Hebammen, dass ich es mit einer Dusche probieren möchte. Keine drei Minuten später schrieb ich, sie sollen sofort kommen. Die Wehen wurden immer stärker. Dazu möchte ich erwähnen, dass J. schon eine Weile riet, die beiden zu rufen. Es dauerte bis ich zu dieser Entscheidung kam, ich wollte keinen Fehlalarm auslösen.

Gegen 21 Uhr wurde A. abgeholt. Der Abschied lief unkomplizierter als gedacht. Wohl, weil ich wusste, gleich kommt eine neue Wehe. Keine Zeit für Sentimentalitäten! Es half mir zu sehen, wie er sich auf die Fahrt im Taxi freute.

J. räumte das Wohnzimmer leer und holte den Pool, wir konnten uns aber nicht an die Anleitung zum Aufbau erinnern. Stattdessen half J. mir das TENS Gerät anzulegen, was ich von Emmi leihen konnte. (Ein Elektrostimulationsgerät gegen den Wehenschmerz.) Ich wanderte weiterhin zwischen Bad und Wohnzimmer hin und her. Ich konnte nicht still stehen. Im Hintergrund lief die Naturmusik.

Die Wehen waren ziemlich schmerzhaft, kam eine war das Drumherum für mich wie ausgeschaltet. Es gab bloß die Wehe, als stehe die Zeit still. Dann kam wieder die Ruhe zwischen den Wehen, diese genoß ich sehr. Die Pausen fühlten sich entspannend an und ich fühlte mich so klar wie nie zuvor. Kurz darauf folgte die nächste Wehe und ich ließ mich weiter treiben von Wehe zu Wehe.

Der Pool füllt sich.

Die Hebammen kommen

Es war kurz nach halb zehn, als Ria und Emmi eintrudelten. Es war schön, die mir bekannten und lieb gewonnenen Menschen nun bei mir zu haben. Sie begannen sich um den Pool zu kümmern. Ich wanderte weiterhin durch die Wohnung.

Bei der TENS Maschine hatte ich die meiste Zeit den Booster angeschaltet, der jedoch nur für die Wehen gedacht ist. Emmi erinnerte mich, diesen Booster zwischendurch auszuschalten. Die Hebammen massierten mir den Rücken, wenn ich denn still stand und nicht umher ging oder ich stützte mich auf ihnen ab. Es tat mir gut zu wissen, dass die Geburt und meine Wünsche vorher besprochen waren. Ich wusste, ich konnte mich buchstäblich auf sie stützen. Ich habe mich wohl gefühlt, in meinem zu Hause, wo es ruhig und nur wenig von Licht erhellt war.

Plötzlich war die Wanne hergerichtet, ich habe die Vorbereitungen nur am Rande mitbekommen. Gegen halb elf stieg ich ins warme Wasser, da waren die Hebammen gerade mal eine Stunde bei uns. Das Wasser tat gut, es fühlte sich erleichternd an. Ich setzte mich, wie automatisch auf die Knie. Es war das erste Mal seit gut fünf Stunden, dass ich saß, beziehungsweise hockte.

J. saß neben mir am Pool und hielt meine Hand, wir sprachen nicht viel. Irgendwie wussten alle was zu tun war. Ich drückte seine Hand während der Wehen, es fühlte sich an, als könnte ich dadurch Druck ausleiten. Im Krankenhaus hätte ich sicher schon nach Schmerzmitteln gefragt waren meine Gedanken und ich hoffte, dass es nicht mehr lange dauern würde.

Im warmen Wasser

Ich hockte also im Pool, stützte mich auf den Rand und hatte meine Brille auf. Bei der ersten Geburt sollte ich diese nämlich während der Geburt absetzen. (Keine Ahnung warum!) Nach einiger Zeit fragte ich Ria, ob ich schon pressen darf. Bei der ersten Geburt wurde ich angeleitet, wann ich pressen sollte. Ria lächelte und sagte, ich soll es ruhig versuchen. Schnell merkte ich, dass es noch nicht so weit war.

Geburtsbericht - Meine Hausgeburt in Finnland
Wehenpause, im Hintergrund wuseln die Hebammen herum.

Das genoß ich bei der Geburt und mein Wunsch ging in Erfüllung, es drehte sich alles um mich und mein Baby, nicht um irgendwelche medizinischen Status. Natürlich wurde nach den Herztönen des Babys geschaut. (Emmi sagte später das Baby saß schon so tief, es war schwer die Herztöne zu finden.) Doch mehr Untersuchungen wurden nicht gemacht. Ich wusste zum Beispiel, bis auf die eine Ausnahme am frühen Abend nicht in welchen Abständen die Wehen kamen. Sie kamen einfach. Und auch der Muttermund wurde nicht ertastet, das hatten wir vorher besprochen, dass dies nur bei Bedarf gemacht wird. Niemand sah Bedarf.

Ich fragte nach der Uhrzeit, es war zehn Minuten vor 23 Uhr, ich saß seit gut 20 Minuten im Wasser.

Baby, komm zu mir!

Plötzlich hatte ich das Gefühl ich muss mich gedanklich mehr mit dem Baby verbinden und schaute auf einen meiner Motivationssprüche, der vor mir hang. („I will meet my baby soon.”) Dieser Satz half mir und ich sprach zum Baby, dass es jetzt kommen soll.

Plötzlich spürte ich zwei Mal wie das Baby tiefer sackte, als ob es angesaugt wurde. Ich versuchte erneut zu pressen und es klappte. „Hör auf deinen Körper!”, sagte Ria. Ich presste ein paar Mal und fragte, ob der Kopf kommt, Ria meinte ich soll fühlen. Ich konnte ihn noch nicht spüren, das änderte sich nach ein paar Wehen. Nun konnte ich den kleinen, haarigen Kopf spüren und es brannte nur. So unangenehm das Brennen war, ich wusste, das heißt bald ist es geschafft. Nach zwei Wehen war der Kopf geboren, was für eine Erleichterung!

Nach einigem Pressen, ging es sehr schnell, plötzlich sah ich, wie Ria das Baby zwischen den Beinen zu mir schob. Ich nahm sie aus dem Wasser hoch und in meinen Arm. Sie sah irgendwie total anders aus, als ich es mir vorgestellt habe und sie war das Weicheste was ich je im Arm hatte. Ich war total aus der Puste und Emmi bat mich zurückzusetzen, das ging nicht so einfach, da die Nabelschnur spannte. Ich guckte immerzu ungläubig mein Baby an, irgendwie war das jetzt alles schnell gegangen!

Die Hebammen „aktivierten” sie etwas, saugten die Nase ab und pusteten sie an. Da begann sie zu schreien. Keinen Moment war ich beunruhigt, ich wusste meine Hebammen hatten alles unter Kontrolle und meinem Baby geht es gut. Ich sagte immer wieder „Hallo,hallo, da bist du ja!” zum Baby, wie bei A. damals. Mehr fiel mir nicht ein.

Ankommen auf unserem Sofa

Die Hebammen baten mich zum Sofa zu kommen, es war hinter dem Pool und hergerichtet mit Decken und Handtüchern. Ich hatte gar nicht mitbekommen, wann sie das alles gemacht hatten. Wir legten uns unter die Decken, eine Wolldecke dabei, die meine Oma zu meiner Geburt vom Discounter gekauft hatte. Ich bekam eine Wärmflasche und ein warmes Körnerkissen. Mir war trotzdem etwas kalt und ich zitterte, wie nach der ersten Geburt, wo mich dies sehr beunruhigte. Doch Ria sagte, das sei normal und alle Tiere machen das so. (Das hätte ich gerne bei der ersten Geburt gewusst!) Ich fragte nach der Geburtszeit, ich hatte kein Zeitgefühl. Sie wurde um 23 Uhr 10 geboren, nur zwanzig Minuten nachdem ich zum letzten Mal nach der Uhrzeit gefragt hatte.

Geburtsbericht - Meine Hausgeburt in Finnland

Es dauerte eine Weile und es kam die Nachgeburt. Wir lagen auf dem kuscheligen Sofa und nach einiger Zeit signalisierte das Baby, es suchte die Brust. Niemand hatte Eile und alles konnte in Ruhe geschehen, die Nabelschnur wurde durchtrennt und Emmi schaute ob ich Geburtsverletzungen davon getragen habe. Ein bisschen musste sie nähen und tat dies mit Stirnlampe fürs Camping. (Das war ein witziger Anblick!) Das Baby kuschelte währenddessen mit J., der sie danach wickelte und bettfertig machte.

Ria half mir zu duschen, es war schön, in das von mir zurechtgelegte Nachthemd zu schlüpfen. Wir gingen alle ins Schlafzimmer, auch dort war das Bett hergerichtet mit diversen Unterlagen und Handtüchern. Das Baby wurde gewogen, das Gewicht, das vier Kilo deutlich überschritt überraschte mich. Vielleicht lag es am Wasser und der Macht der Schwerkraft (immerhin befand ich mich die ganze Zeit stehend oder hockend), dass es trotz größerem Baby so einfach ging.

Wir drei legten uns ins Bett, mittlerweile war es nach zwei Uhr in der Nacht. Die Hebammen hatten alles aufgeräumt, die Waschmaschine voll gemacht und sich verabschiedet. Die Wohnung sah aus wie vorher, als wäre nichts geschehen, bloß dass das Baby jetzt da war.

Ich war voller Freude und Aufregung über die ruhige und schöne Geburt, dass ich die Nacht kaum Schlaf fand. Ich war glücklich, dass ich in meinem eigenen Bett liegen konnte mit meinem kleinen, warmen, weichen frischgeborenen Baby.

Wirklich dankbar bin ich für die Erfahrung der Hausgeburt, sie bot Ruhe, Sicherheit und die intensive, liebevolle Betreuung, wie ich sie mir wünschte und brauchte. Bei der ersten Geburt fehlte mir körperliche Kontrolle und das Wahrnehmen was während der Geburt mit meinem Körper und dem Baby passierte. Das war dieses Mal ganz anders und ich habe alles intensiv spüren können.

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  1. Liebe Lara, ein sehr berührender Bericht, danke fürs Teilen! Ich bin zwar auch sehr glücklich mit meinen Krankenhaus-Geburten gewesen, aber die besondere Stimmung Deiner Hausgeburt wird deutlich. Schön! Liebe Grüße, Svenja

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