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#FrauenErzählen: Endstation Jobcenter – kein Happy End in Sicht?

Vor ein paar Wochen gab es in meiner Rubrik #FrauenErzählen den Bericht einer Frau, die als Arbeitsvermittlerin im Jobcenter gearbeitet hat. Persönlich finde ich es interessant einen Aspekt auch aus einer anderen Perspektiven zu hören und kennenzulernen. Die heutige Erzählung gibt uns diese Möglichkeit. Es schildert eine Frau, wie es war auf Arbeitslosengeld II und regelmäßige Besuche im Jobcenter angewiesen zu sein.

Die Frau wünscht anonym zu bleiben, alles Wichtige erzählt sie uns jedoch im Text. Genau wie der erwähnte Beitrag von der anderen Seites des Schreibtisches im Jobcenter bietet diese Erzählung nur einen Ausschnitt. Es sind Gedanken und Erfahrungen einer Person, sie sind und bleiben individuell.

Ich danke der Erzählerin für ihren Einblick , er hat mich sehr betroffen gemacht. Geht es dir ähnlich? Welche Gedanken erwecken ihre Zeilen? Hast du vielleicht ähnliches erlebt oder im Bekanntenkreis von gleichen, anderen Erfahrungen gehört?

Jobcenter
(Bild von Pixabay)

Einmal ausziehen, bitte!

Es gibt Lebenssituationen, an die denkt man nicht mal im Traum, wenn man mit Anfang zwanzig seinen Magister in der Hand hält. Da denkt man höchstens, mir kann so etwas garantiert nicht passieren. Denkt man aber auch bloß. Einen Magister habe ich. Und ein Kind habe ich ebenfalls. Dafür habe ich keinen Ehering. Noch nie besessen. Und ich habe auch keine Arbeit. Nicht mehr, jedenfalls.

Betriebsbedingt

Fast 40% der Alleinerziehenden sind voll oder ergänzend auf Hartz IV angewiesen. Das ist eine Menge. Da muss man sich gar nicht so allein fühlen, wenn man auf den Gang zum Jobcenter angewiesen ist, weil man seine Arbeit verloren hat. „Betriebsbedingte Kündigung“, hieß es damals bei mir, nach fast zehn Jahren Betriebszugehörigkeit, und direkt nach der Elternzeit.

Haha, wenn es nicht so traurig gewesen wäre, hätte ich fast ein bisschen gelacht. Wer mit einem Baby und alleine unterwegs ist, der hat vermutlich etwas anderes zu tun, als den Gang vor Gericht. Zumindest hatte ich keine Kraft dafür und deswegen war ich erst Kunde der Agentur für Arbeit, denn arbeiten wollte ich gern und nicht vom Staat leben, und als sich keine neue Arbeitsstelle finden wollte, schleppte ich mich dann zum Jobcenter.

Jobcenter
Und wie geht´s jetzt weiter? (Bild von Pixabay)

Endstation Jobcenter?

Ja, schleppen, denn es ist nicht unbedingt die leichteste Übung. Ich hielt das Jobcenter, wenn ich ehrlich bin, immer für etwas wie eine Endstation. Dort landen die, denen wirklich nicht mehr zu helfen ist, weil sie keine Ausbildung, kein Studium und keine Lust haben. Mein klischeehaftes Bild zerbröselte schnell in viele Teile. Ich habe einige Menschen dort getroffen (wenn man lange warten muss, hat man ja Zeit, sich zu unterhalten), denen es ähnlich wie mir ging.

Verstehe ich alles

Wartemarke ziehen. Und warten. Eingangsbereich heißt die erste Station der Endstation, in der man warten muss, wenn man neu ist. Dann bekommt man einen Stapel Unterlagen, Formulare und sonstige Papiere in die Hand gedrückt, die man mit der Schubkarre nach Hause fahren muss, um sie auszufüllen und ungefähr drei Aktenordner damit zu befüllen.

Ich verstehe, dass das alles seine Richtigkeit haben muss, seine Ordnung. Ich wollte schließlich Geld geschenkt bekommen, vom Staat, von den Steuerzahlern, weil ich nicht arbeiten gehen konnte. Eine alleinerziehende Mutter, die stellt man nicht so schnell ein, die bedeutet ein erhebliches unternehmerisches Risiko. Verstehe ich alles.

Einmal ausziehen, bitte!

Und wenn man die Unterlagen ausfüllt, im stillen Kämmerlein, merkt man, das man sich genau eins macht: nackig. Völlig.

Während ich noch gearbeitet hatte, sparte ich ein bisschen und legte mir ein kleines finanzielles Polster an, außerdem zahlte ich in eine private Rentenversicherung ein. Nun hat man zwar als Bezieher von ALG II eine gewisse Freigrenze für seine Ersparnisse, aber wenn man zehn Jahre in eine private Altersvorsorge eingezahlt hat, dann kommt da schon ein kleines Sümmchen zusammen. Ein Sümmchen, das dazu dienen sollte, mir den Gang als Rentnerin aufs Jobcenter zu ersparen und die Altersarmut zu verhindern. Ich aber wurde gezwungen, diese Versicherung aufzulösen und von einem Teil des Geldes zu leben. Als es aufgebraucht war, durfte ich wieder vorstellig werden. Adieu Rente!

Jobcenter
Ab unter die Brücke? (Bild von Pixabay)

Under the bridge

Nun gut. Als ich das hinter mich gebracht hatte, wurde viel herumgerechnet und mir wurden 850 Euro im Monat gewährt. Für mein Kind und mich. Viele meinen ja, den „Hartzern“ würde alles in den Allerwertesten geschoben: Miete gesponsert, Heizung gesponsert, Südseeurlaub gesponsert. Dem ist aber nicht so.

Von 850 Euro würde ich alles bezahlen müssen, was unser Leben an Kosten aufwarf. Miete, Strom, Heizung, Telefon, Windeln, Essen. Kann man sich ausrechnen, wie viel davon am Monatsende noch übrig bleibt? Kann man. Und da die Reserven ja vorher aufgebraucht werden mussten (bis auf einen Kleckerbetrag), steht man da und sucht schon mal nach einem kinderfreundlichen Platz unter der Brücke.

Honigschlecken

Man darf mich nicht falsch verstehen: Natürlich bin ich froh und dankbar, dass es die Institution Jobcenter gibt, denn sonst wäre ich ein noch ärmeres Würstchen gewesen als eh schon. Aber als Mutter (und Akademikerin, was aber in dem Fall völlig nebensächlich ist) sein Kind unterhalb der Armutsgrenze aufzuziehen, das ist kein Honigschlecken. Wirklich nicht.

Hilfe?

Stellenangebote kamen spärlich, Hilfe war von meinem Fallmanager nicht zu erwarten, das stellte ich schnell fest. Mein Kind besucht einen Kindergarten, ich bin allein dafür verantwortlich, dass es pünktlich abgeholt wird. Da kann man leider keine stundenlangen Fahrten zu einem potentiellen Arbeitgeber einkalkulieren, ohne Teleporter ist das einfach nicht möglich.

Dennoch wurden mir Stellen angeboten, auf die ich mich bewerben musste, die a) eine Vollzeitbeschäftigung und b) 100 Kilometer entfernt waren. Praktisch nicht machbar, oder sollte ich mein Kind vor der Kita anbinden lassen, damit es auf mich warten würde, wenn ich abends um 18 oder 19 Uhr (je nach Verkehrslage) wieder am Kindergarten ankommen würde? Von Stress und Hektik mal abgesehen.

Nie wieder!

Dann wollte man mich zur Politesse umschulen, das fand ich weniger lustig. Ich war doch gut ausgebildet. Ich hatte langjährige Berufserfahrung, warum war es denn nicht möglich, eine Stelle zu finden, die meinen Eignungen entsprach – und umgekehrt?

Nein, vom Jobcenter war keine Hilfe zu erwarten. Das merkte ich schnell, da half nur weiterhin viel Eigeninitiative. Und irgendwann, eines schönen Tages nach zwei langen Jahren, fand ich selbst eine neue Arbeit.

Ich hoffe, dass ich das Jobcenter nie wieder von innen sehen muss!

Auf Nimmerwiedersehen!

Manchmal hilft ein langer Atem. Ich weiß auch, dass man ihn schnell verlieren kann, wenn man in dieser grauen Maschinerie sitzt. Irgendwann aufgibt, weil es keine Hoffnung zu geben scheint. Das Jobcenter jedenfalls, das ist nur meine persönliche Erfahrung, das leistet keinen Beitrag, um Menschen zu motivieren, und gemeinsam an machbaren Möglichkeiten und Alternativen zu arbeiten.

Statt den ALG II-Kunden ihre Altersvorsorge aus der Tasche zu ziehen, wäre das doch eine ganz gute Strategie, um schnell wieder Arbeit zu finden, um schnell dem Staat nicht mehr auf der Tasche zu liegen. Offensichtlich ist das aber ein Aufwand, der mit den verfügbaren Ressourcen nicht zu stemmen ist.

Ja, es gibt Lebenssituationen, an die denkt man nicht, aber man sollte über das „was wäre wenn“ nachdenken, damit man schnell einen Plan B aus der Tasche ziehen kann, wenn das Undenkbare doch eintritt.

Das zumindest habe ich gelernt. Adieu Jobcenter, auf Nimmerwiedersehen!


Regelmäßig kommen unterschiedliche Frauen in der Rubrik #FrauenErzählen im Blog zu Wort und erzählen aus ihrem Leben. Was ist deine Geschichte

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6 Comments

  1. halloechen,

    ich sitze auf der anderen seite des schreibtisches und moechte folgendes dazu ergaenzen:

    interessant, dass immer unterschlagen wird, dass diese 850 das sind, was uebrig bleibt, wenn man kindergeld und unterhalt(svorschuss) abgezogen hat.
    diese einnahmen stehen dann ja auch noch zur verfuegung.
    also MINIMUM + 342 euro.

    insgesamt steht ihr also mindestens 1192 euro zur verfuegung.
    ist natuerlich nicht die welt, klingt aber doch gleich ganz anders, oder?

    mit regelbedarfen, mehrbedarf fuer alleinerziehung und kosten der unterkunft bin ich mir ehrlich gesagt auch nicht sicher, ob diese 850 euro ueberhaupt stimmen.
    es sei denn, der kindesunterhalt ist ziemlich hoch.

    als zweites: ich weiss, dass menschen das gefuehl haben. sie wuerden sich nackig machen. ist vll auch so.
    aber uns interessiert das meiste nicht.
    wenn wir ueber kontoauszuege gucken, wissen wir genau, worauf wir achten muessen.
    da interessiert uns die abbuchung von amazon genauso wenig wie die von elitepartner 🙂

    gruesse
    nina

    1. Hallo Nina,
      danke für deinen Kommentar. Ich persönlich habe keine Erfahrung mit dem Jobcenter. Was ich aber durch diesen Beitrag und auch den Beitrag von “deiner” Seite des Schreibtisches (Hier der Link: http://www.dreamingtoday.com/arbeitsvermittlerin/) gelernt habe, es gibt auf beiden Seiten weder schwarz noch weiß. Eigentlich ist es schade, dass von Seiten gesprochen wird, denn eigentlich sollten alle zusammen arbeiten. 🙂

      Liebe Grüße,
      Lara

      1. Huhu again 😀

        ja, natürlich. Ich sehe das grundsätzlich auch so. Ich persönlich hab auch wenig ärger mit meinen Kunden und pflege einen eher lockeren Kontakt, so unkompliziert wie möglich.
        Ich hab heute noch ExKunden, die mir manchmal Emails schreiben und mir einen schönen Tag wünschen oder bekomme Weihnachtskarten ins Büro.
        Das find ich total süß und freu mich drüber und antworte auch immer Allen. 🙂

        Aber immer wenn ich solche Berichte wie diesen Beitrag lese, platzt mit der A… die Hutschnur.
        Die arme, alleinerziehende Mutter, der das Jobcenter ja nun wirklich gar nichts mehr zum Leben lässt. Wie soll sie nur mit 850 Euro auskommen????
        Das ist alles, was Menschen aus deinem Beitrag mitnehmen.
        Sie lesen subjektiv. Das zeigt mir einfach die Erfahrung.
        Das Bild ist total verzerrt und einfach falsch.
        Und schon ist das Amt wieder unmenschlich und Böse.

        Ich weiß sehr wohl, dass es richtige Arschlöcher bei den Ämtern gibt. Die gibt’s aber auch bei Kellnern, Kassierern, Ärzten oder ..tadaaa… alleinerziehenden Elternteilen.

        Liebe Grüße
        Nina

        1. Ganz genau, wie du es geschrieben hast, es gibt immer und überall schwarze Schafen. Und deshalb denke ich auch, dass jede Person, die sich ungerecht behandelt fühlt ein Recht darauf hat sich so zu fühlen und die Gedanken dazu zu teilen. 🙂 Denn das ist mir wichtig, verschiedene Stimmen zu hören und ihren Geschichten einen Platz zu geben. 🙂

          Sorry, dass ich erst so spät anworte, ich einfach nicht früher dazu gekommen. 🙂
          Liebe Grüße,
          Lara

  2. Hallo,

    ein Beitrag wie er grade mein Leben widerspiegelt. Ich bin zwar nicht alleinerziehend, aber mein Partner ist in der Woche auf Montage. Ich bin derzeit auf Muttischichten angewiesen und diese sind bei uns in Magdeburg irgendwie nicht vorhanden. Eigentlich bin ich gelernte Friseurin und das 19 Jahre bis zur Schwangerschaft. Nun möchte mich keiner mehr, da ich nicht flexibel bin. Bekomme vom Jobcenter ein wenig Aufstockung zum Lohn meines Partners und bin froh das ich wenigstens auch krankenversichert bin. Das geht nun schon seitdem ich aus Alg1 raus bin..

    Lg Steffi

    1. Liebe Steffi,
      danke für deinen Kommentar. Es tut mir leid, dass es dir so schwer gemacht wird in deinem Beruf zu arbeiten. 🙁 Hoffentlich ändert sich das noch!! Alles Gute, Lara

Ich freue mich über einen Kommentar von dir.