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#FrauenErzählen: Nicole lebt mit einer Angsterkrankung

Regelmäßig kommen unterschiedliche Frauen in der Rubrik #FrauenErzählen im Blog zu Wort und erzählen aus ihrem Leben. Was ist deine Geschichte?

Ich freue mich, dass die Reihe #FrauenErzählen in die nächste Runde geht. Besonders freut es mich, Nicoles Erzählungen teilen zu dürfen. Sie berichtet darüber, wie es sich mit einer Angsterkrankung lebt. Ich finde es mutig und wichtig, dass sie über ihre Angsterkranknung so offen spricht und danke ihr für ihren ehrlichen Einblick.  

#FrauenErzählen: Mit einer Angsterkrankung leben

Wer steckt hinter diesem Beitrag?

Mein Name ist Nicole und ich wurde 1975 im schönen Odenwald (Hessen) geboren. Der Liebe wegen zog ich 2012 zu meinem Mann nach Baden-Würtemberg. Verliebt, verlobt, verheiratet und da war unsere Mausi schon unterwegs. 🙂 In meinem Blog „LiNiChri” schreibe ich über unseren (manchmal nicht) ganz normalen Familienalltag. Ein Leben zwischen Muttersein und Angsterkrankung, gepaart mit meiner Hochsensibilität. Wie du siehst, alles (nicht) wie bei anderen Familien eben auch. 😉

#FrauenErzählen: Mit einer Angsterkrankung leben

Der Zyklus und die Angst

Jeden Monat zur selben Zeit ist es wieder soweit. Meine Welt beginnt sich auf den Kopf zu stellen und die Angst versucht die Oberhand über mich zu gewinnen. Ich weiß genau, wann es wieder losgeht, denn es ist absehbar. Ich weiß wann ich erneut anfangen muss gegen das innere Teufelchen zu kämpfen. Ein Teufelchen namens Angsterkrankung.

Die Tage, die ich meine sind mir bekannt und normalerweise gehören sie zum Leben dazu oder sagen wir es anders, sie können Leben schaffen… Es dreht sich um die fruchtbare Zeit einer Frau. Doch seit der Geburt meiner kleinen Tochter, freue ich mich über die fruchtbaren Tage nicht mehr. Denn ab dem Tag, an dem ich in die fruchtbare Zeit komme, geht es mir körperlich und seelisch nicht mehr wirklich gut. Körperlich merke ich es vor allem an Verdauungsstörungen, Übelkeit und Schwindel, genau diese sind die Auslöser für meine Angsterkrankung.

Genau in dieser Zeit befinde ich mich übrigens gerade jetzt, als ich diese Zeilen schreibe. Deshalb fällt es mir leichter darüber zu schreiben. Ich merke ja die Symptome und Empfindungen live.

Monatlicher Ausnahmezustand 

Sechs Tage wird sich dieser Zustand nun hinziehen, mal mit weniger Beschwerden, mal mit mehr. Danach ist schlagartig alles vorbei und taucht erst kurz vor und zum Ende der Periode noch mal kurz auf. Alle anderen Tage im Monat geht es mir gut. Die Angst ist fast weg, ich blühe auf. Bis, ja bis wieder die Eisprungszeit beginnt und die Angst kommt. Wunderbar im Zyklus der Natur, jeden Monat wieder, immer zur gleichen Zeit.

Früher hatte ich das alles nicht. Zwar merkte ich, wie heute auch noch, meinen Eissprung. Dies hatte keinen Einfluss auf meine Angsterkrankung. Ich hatte so gut wie keine körperlichen Beschwerden. Später nahm ich die Pille, da war sowieso keine Rede mehr von den Symptomen. Leider darf ich wegen erhöhter Thrombosegefahr nicht länger hormonell verhüten. Ich hatte bereits eine tiefe Beinvenenthrombose.

Ein Teufelskreis für mich. Die Pille würde mir helfen, doch sie ist gleichzeitig eine viel größere Gefahr für mich.

Mein Alltag steht still

Schwierig ist diese Zeit vor allem deshalb, weil ich ein Kind habe. Mittlerweile in einem Alter in dem es in den Kindergarten geht. Der Kindergarten weiß zwar Becheid, dass es sein kann, dass es Tage im Monat gibt an denen ich es nicht schaffe mein Kind zu bringen. Doch ich fühle mich jedes Mal schlecht dabei, wie eine Versagerin. Eine Mutter die es nicht schafft ihr Kind in den Kindergarten zu bringen.

Deshalb versuche ich es trotzdem und es ist an manchen Tagen wirklich eine Qual für mich. Mir bleibt nichts anderes übrig. Nur wenn ich merke, dass es einen Monat wieder besonders schlimm ist, warte ich ein bis zwei Tage ab und bringe mein Kind erst dann wieder in den Kindergarten.

Aber es geht ja nicht nur um den Kindergarten. Ein Kind möchte ja raus und die Welt erleben. Oder man muss ja ganz banale Dinge wie Einkaufen erledigen. Auch das ist in dieser Zeit so unsagbar schwer für mich. Wichtige Termine versuche ich immer so zu legen, dass sie gerade nicht in der fruchtbaren Zeit liegen. Dies klappt natürlich nicht immer, also verbirgt auch das oft einen Kampf für mich.

Innere Anspannung

Meine Familie merkt mir diese Tage immer sofort an. Ich bin sehr gereizt. Mich stört sozusagen die Fliege an der Wand oder das Rauschen des Wassers, alles nervt mich. Selbstverständlich lasse ich mir das nicht so anmerken. Ich versuche es zumindest, ganz gelingt es mir nicht.

Prasselt zu viel auf mich ein, merke ich, wie ich innerlich anspanne. Ich muss erst mal Luft schnappen. Meist gehe ich für ein paar Minuten auf den Balkon, bis ich wieder runtergefahren bin. Unsere Tochter weiß noch nicht genau was mit Mama los ist. Ihr sage ich halt, dass es mir heute nicht so gut geht. Ich bin sehr froh, dass ich meinen Mann habe der mich in dieser Zeit sehr unterstützt.

Mein Mann, meine Stütze

Mein Mann übernimmt alles (außer Kindergarten, er ist berufstätig) was ich nur schwer oder gar nicht schaffe. Einkaufen, Termine oder rausgehen mit dem Kind. Mir hilft das sehr. Es ist schön zu wissen, dass ich nicht unbedingt muss, dass jemand als Unterstützung da ist. Ein Mensch, der gerne für mich übernimmt, damit ich mich ein ausruhen kann. Dafür bin ich meinem Mann sehr dankbar.

Angsterkrankungen sind nie gleich

Es gibt verschiedene Angsterkrankungen. Die, die ich habe, nennt sich generalisierte Ansgtstörung. Das heißt, ich habe sozusagen vor allem und nichts Angst. Mal gehe ich locker flockig durchs Leben, mal mit Angst. Eng zusammen hängt das bei mir, wie oben bereits geschrieben, mit körperlichen Symptomen.

Ich habe Angst, dass ich umkippen (Kreislaufkollaps) und mich verletzten könnte. Jetzt wo ich ein Kind habe, ist das doppelt blöd. Natürlich habe ich Angst, dass ich mein Kind nicht mehr schützen könnte. Warum ich Angst vorm Umkippen habe weiß ich gar nicht, ich habe es noch nie erlebt. Es muss also andere Gründe haben die ich nicht weiß und auch nicht mehr wissen will. Ich habe mich damit abgefunden und kämpfe dagegen an, was mir manchmal schwer fällt.

Auch, wenn es noch so schwer ist, ich bin stolz, dass ich es bis hierhin geschafft habe. Bis vor zirka einem Jahr konnte ich gar nicht vor die Tür. Ich wusste nicht was plötzlich los war, warum ich diese Angstbeschwerden hatte. Da hatte mich die Angst noch voll im Griff. Jetzt ist beschränkt es sich auf die paar Tage im Monat. Ich bin der Überzeugung, dass ich auch diesen Kampf irgendwann gewinnen werde. 🙂


Liebe Nicole,

ich danke dir nochmals sehr für deine Geschichte und bin mir sicher, mit so toller Unterstützung von deinem Mann und deiner kleinen Familie wirst du das Teufelchen Schritt für Schritt weiter vertreiben.

Hat dir ( liebe LeserIn) der Beitrag gefallen? Dann würde ich mich freuen, wenn du ihn teilst und dem Thema Angsterkrankungen die Aufmerksamkeit zu schenken, die es verdient. 

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6 Comments

  1. Liebe Nicole, ich habe mich in vielen Punkten deines Textes wiedergefunden. Ich lebe schon seit vielen Jahren mit einer Angsterkrankung und Panikattacken und nach langem Rätseln wurde mir vor einigen Woche eine Hochsensibilität diagnostiziert.
    Ich habe sehr viele körperliche Beschwerden, die deinen gleichen: Schwindel, Kopfschmerzen, extreme Übelkeit. Und auch bei mir wird es zyklusabhängig schlimmer oder besser.
    Die Angst davor, umzukippen, ohnmächtig zu werden (und bei mir auch einen Krampfanfall zu erleiden) kenne ich sehr gut – dies sind die Trigger meiner Angsterkrankung. Bei mir besteht der Zusammenhang übrigens darin, dass das Umkippen oder auch ein Krampfanfall ein totaler Kontrollverlust wäre – und die Kontrolle zu verlieren ist für mich extrem schwierig.
    Einige Stunden nach der Geburt unserer Tochter, bin ich tatsächlich ohnmächtig geworden. Ganz abgesehen davon, dass es sich in keinster Weise schlimm angefühlt hat, hat es meine Angst trotzdem verstärkt.
    Ich fühle mich meiner Tochter gegenüber oft sehr schuldig und ich habe lange mit dem Gedanken, ihr keine gute Mutter zu sein, zu kämpfen gehabt.
    Auf der anderen Seite war ich noch nie so motiviert, meine Angst und Panik in den Griff zu bekommen, seit unsere Tochter auf der Welt ist.
    Lass dich einmal drücken und lass dir gesagt sein, dass du eine starke Frau bist, die mutig über Themen spricht, die andere gerne verschweigen, und dass du alleine damit ein wunderbares Vorbild für deine Tochter bist.
    Liebe Grüße

    1. Liebe Ann-Kathrin,
      ganz lieben Dank für Deinen Kommentar und die lieben Worte. Ich drücke Dich auch mal ganz lieb, weiß ich doch genau wie Du Dich fühlst. Den Gedanken keine gute Mutter zu sein kenne ich auch, aber das stimmt ja nicht. Wir sind genauso gute Mütter wie andere auch. Ich finde keiner muss sich damit verstecken, deshalb ist es mir auch ein Bedürfnis offen darüber zu schreiben.
      Liebe Grüße, Nicole.

    2. Liebe Ann-Kathrin,
      es freut mich, dass dir Nicoles Erzählungen gefallen haben. Ihr seid nicht alleine und ich drücke euch beide.
      Lara

  2. Liebe Nicole, auch mir ist das alles sehr bekannt. Wenn auch mittlerweile besser handelbar.
    Hast du mal gemeinsam mit dem Gyn überlegt, ob dir evtl. Mönchspfeffer helfen könnte? Oder dir psychiatrische Hilfe zu holen?
    Du bist stark und ich bewundere deine Ehrlichkeit! Bestimmt schaffst du es irgendwann, stärker zu werden als die Angst. Alles, alles Liebe!

    1. Hallo liebe Berdien,
      nein mit meiner Gyn habe ich noch nicht gesprochem, wäre eine Option.
      In psychologischer Behadlung war ich früher, deshalb wusste ich jetzt auch
      was ich tun musste. Ich danke Dir sehr für Deinen lieben Kommentar und die
      aufbauenden Worten.
      Liebe Grüe, Nicole.

    2. Liebe Berdien,
      danke für deine lieben Worte an Nicole. Und schön, dass du einen Weg für dich gefunden hast. 🙂
      Liebe Grüße, Lara

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