#FrauenErzählen: Erinnerungen an 4 Jahre Familienleben in England

Womit verbindet ihr England? Ich denke zuerst an Regen und die Queen. Und seit letztem Jahr kam natürlich der Brexit hinzu. Doch wie lebt es sich (als Familie) in England? Jonna gibt einen Rückblick auf vier Jahre, die sie mit ihrer Familie auf der Insel verbrachte. Sie beschreibt auch die aktuelle Situation rund um den EU- Austritt ein wenig, dies gibt eine Ahnung, wie es zur Entscheidung für einen Austritt kam.

Jonna lebt mit ihrer Familie mittlerweile wieder in Deutschland. Für sie ist das Thema Mütter und ihre Familien im Ausland ein Herzensthema, deshalb hat sie die Seite Expatmamas ins Leben gerufen.  Schau dort mal, nach dem Lesen von Jonnas Bericht vorbei. (Ich bin auch bei den Expatmamas dabei. 🙂 )

#FrauenErzählen: Erinnerungen an vier Jahre Familienleben in EnglandBild von Pixabay, alle anderen Bilder wurden mir von Jonna zur Verfügung gestellt.

In Morgenmantel und Gummistiefeln durch England

Wie fasst man ein Familienleben in England zusammen? Vier Jahre zwischen Schafweiden, Hecken und Hügeln?

England – das waren die Baby- und Kleinkindjahre unserer Kinder; das war die Eltern- und Promotionszeit für mich; das war der Formel 1-Zirkus für meinen Mann. Wir lebten in einem Dorf in den Midlands zwischen Market Harborough und Northampton und wenn das jetzt keinem etwas sagt, dann erweitere ich den Radius und schreibe zwischen Birmingham und London. Das Stadtleben war für uns Stadtmenschen unheimlich weit weg, dafür gab es Fasane im Garten und nachts fast vollkommene Dunkelheit.

Was von außen betrachtet, wie ein ZDF-Sonntagsfilm begann, mit dem Traummann für den Traumjob und dem allerliebsten Wunschbaby auf die Insel zu ziehen, war in Wahrheit manchmal eher wie bei Loriot – etwa als ich zu Beginn versuchte, über West Haddon, Chapel Brampton und Ravensthorpe den Weg durch die Hügellandschaft nach Hause zu finden. Oder wie bei Mr. Bean, wenn ich unbedarft nach Fieberzäpfchen fürs Baby suchte und erfolglos blieb („Ah, the British and their bottoms…“). Oder auch manchmal wie im absurden Theater, wenn man trotz eines Personalausweises als nicht existent gilt.

#FrauenErzählen: Erinnerungen an vier Jahre Familienleben in England
Jonna

Kennenlernen des Gesundheitssystems

Dank der Kinder lernt man Vokabeln, die man vorher nicht mal im Deutschen kannte wie Affekt- oder Fieberkrampf; man erlebt englische Haltung, wenn man sich mit vollem Pipi-Töpfchen aus der Umkleide hervorwagt, und lachendes Unverständnis, wenn man vom Christkind erzählt. Ich habe vom Kaiserschnitt über Vorsorge-Untersuchungen bis zur Notaufnahme das englische Gesundheitssystem durchlitten, vom Babyschwimmen bis zur Vorschule englische Erziehung genossen und war dem Leben im Gastland oft viel näher als der Manager-Papa im Auslandseinsatz.

Bye bye England!

Und dann ist es eines Tages vorbei, das Abenteuer Ausland, und man ist wieder daheim. Wie haben wir uns gefreut! Auf die Familie. Auf Freunde. Auf deutsches Brot und weißen Spargel. Auf Eisdielen und Freibäder. Auf Strom selbst bei Gewittern, auf Kinderärzte und die Scheibe Kinder-Wurst an der Fleischtheke.

Und dann das. Wir haben so viel vermisst. Unsere englischen Freunde, die eine Art Ersatzfamilie geworden sind. Die Osterglocken und Kaninchen-Heerscharen am Straßenrand. Afternoon Tea und Supermarkt-Verkäufer, die einen mit Honey, Love oder Dear ansprechen. Kurz: wir haben unseren Alltag vermisst, unser englisches Leben.

Und dann wurde mir auf einmal klar: Für die Kinder war es das einzige Leben, das sie kannten. Leben im Ausland, das war für sie das neue Leben in Deutschland! Und wie das geht, wurde im neuen Kindergarten schnell klar: „Was hast du denn da für Gummistiefel an!“ – Erstmal zur Begrüßung mosern – das können hierzulande auch schon die Jüngsten. Gewohnt waren unsere Kinder Sätze wie „I like your shoes/your hat/your smile/whatever.“ Die sprichwörtliche englische Höflichkeit, es gibt sie wirklich und sie fehlt uns bis heute.

#FrauenErzählen: Erinnerungen an vier Jahre Familienleben in England
Jonna und ihre Familie – wetterfest angezogen natürlich

Ja, und auch das Gummistiefel-Klischee stimmt – zumindest auf dem Land. Wir hatten nach kurzer Zeit selbst Gummistiefel für unsere Gäste. 🙂 Die englischen Modelle lieben wir bis heute. Dank Versandhandel bekommt man die bunten Wellies von Joules nun auch hierzulande und wir müssen in dieser Hinsicht auf nichts verzichten, auch wenn wir seit Jahren nicht mehr an der Quelle sitzen und die Wiese im Garten seltener matschig ist. Nur den Morgenmantel lassen wir inzwischen weg. Deutsche Häuser sind selbst mit Nachtabsenkung in der Früh mollig warm. Einen Luxus, den wir in unseren englischen vier Wänden nie hatten. 😉

Irgendwie Europa, irgendwie doch nicht.

Ach, unsere englischen Häuser (Plural, weil wir einmal umziehen durften)! Sie stehen für das englische Paradox Europa und nicht Europa sein zu wollen. Die Bäder hatten zwar Mischbatterien (der Kontinent lässt grüßen) statt der traditionellen zwei Wasserhähne, aber keine Steckdosen (typisch britisch). Es gab die Spartaste an der Klospülung (Hallo EU), aber keine Lichtschalter (sondern nur eine Schnur, die von der Decke baumelte; einmal ziehen und es wurde mit einem lauten Klack-Klack hell).

Aber nicht um der Badezimmer Willen sondern wegen meiner Freunde bedaure ich den Brexit sehr. Sie alle waren für Remain und sind zutiefst enttäuscht über den Ausgang des Referendums. Solange es Menschen wie sie auf der Insel gibt, würde ich immer zurückkehren. Dass das gesellschaftlicher Klima rauer geworden ist, trifft leider hüben wie drüben des Kanals zu und beschämt mich allerorten. Überrascht darf man von der Entwicklung aber nicht sein.

Happy End? Nicht für alle.

Wir haben alle vor Jahren über den englischen Film „Ganz oder gar nicht“ gelacht, über die arbeitslosen Stahlarbeiter, die als Männer-Stripper à la Chippendales ihr Glück versuchen. Was wir nicht sehen wollten: In vielen englischen Städten sieht der Alltag tatsächlich so trostlos aus – und ohne Happy End mit Tanga. Ich habe vor den Toren Northamptons gelebt, seit dem Zusammenbruch der Schuh-Industrie dort ist die Innenstadt trostlos und dabei gibt es bei weitem schlimmere Städte.

Niemand, den ich kannte, wäre auf die Idee gekommen, in Northampton bummeln zu gehen. Ich habe im Northampton General Hospital entbunden, einem Krankenhaus, das für mich optisch nach Osteuropa gehört hätte in die Zeit der Wende. Ich habe täglich Leute gesehen mit Zähnen wie im Mittelalter, weil der NHS (National Health Service) kaum noch Zahnersatz leistet und sich viele die privaten Zahnärzte nicht leisten können. Wenn dann ein Rattenfänger auf Busse pinseln lässt, Europa sei schuld und ohne EU könnte man 300 Millionen Pfund pro Woche für das Gesundheitssystem ausgeben, dann fällt die Botschaft auf fruchtbaren Boden.

Aber selbst der Brexit ist den Briten Anlass für schwarzen Humor in Tweets wie diesem: „More Brits would have supported Leave if they knew Johnson & Farage meant it literally.“ [Noch mehr Briten hätten für LEAVE gestimmt, hätten sie gewusst, dass Johnson & Farage das mit dem Ausscheiden ernst gemeint hätten.] Ich habe versucht, mir eine dicke Scheibe davon abzuschneiden und wie ist es herrlich seit unserer Rückkehr von der Insel, im Nachhinein jeden unserer Faux Pas, jedes Fettnäpfchen und all die skurrilen Erlebnisse noch mal zu genießen.

#FrauenErzählen: Erinnerungen an vier Jahre Familienleben in England

Was bleibt? Die Erinnerungen!

Wie immer, sieht man oft erst mit ein bisschen Abstand, wie reich diese Zeit war. Vor allem reich an Anekdoten. Also habe ich angefangen, sie aufzuschreiben und siehe da, es wurde ein ganzes Buch daraus: „Von Babys und Briten – Anekdoten einer Expat-Mama“ nimmt die Hürden unseres deutschen Familienlebens in England aufs Korn, manchmal nachdenklich, oft komisch und immer selbstironisch. Denn wo findet man als Deutsche dafür bessere Vorbilder als bei den Briten?


Danke Jonna, für deine interessanten Einblicke! Wart ihr schon mal (für länger) in England? Kommt euch einiges bekannt vor?

Regelmäßig kommen unterschiedliche Frauen in der Rubrik #FrauenErzählen im Blog zu Wort und erzählen aus ihrem Leben. Was ist deine Geschichte

Tweet about this on TwitterPin on PinterestShare on Google+Print this pageEmail this to someone

Ich freue mich über einen Kommentar von dir.