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#FrauenErzählen: Ich habe als Arbeitsvermittlerin gearbeitet

In der heutigen Ausgabe von #FrauenErzählen kommt eine Frau zu Wort, die einige Zeit als Arbeitsvermittlerin beim Jobcenter gearbeitet hat. Ich danke ihr für die ehrliche Erzählung.

Diese Arbeit ist mit vielen Gefühlen, positiv, wie negativ behaftet. Ein Grund warum sie lieber  anonym bleiben möchte. 

Ich finde es interessant, ihre Perspektive hinter dem Schreibtisch zu hören, denn nichts ist nur schlecht oder nur gut. Ich bin gespannt, ob du Gedanken oder Erfahrungen zu diesem Thema hast? Lass es mich in den Kommentaren wissen.

#FrauenErzählen: Ich habe als Arbeitsvermittlerin gearbeitet

Ich, weiblich, anonym, Arbeitsvermittlerin

Richtig gelesen, ich war zwei Jahre meines Lebens Arbeitsvermittlerin in einem Jobcenter in Deutschland. Warum ich das nur anonym erzähle? Ich habe bereits deutlich gemerkt, dass dieser Job ordentlich Gegenwind produziert. Und ich bin heute nicht mehr bereit, die Meinung aller möglicher Menschen zu allen möglichen Themen, die das Jobcenter betreffen, völlig ungefiltert auf mich zu nehmen. Denn unabhängig von meinem Beruf habe auch ich ein Recht darauf mich und die Meinen zu schützen. Und lacht nur, es ist tatsächlich notwendig.

Warum ich überhaupt glaube, das gibt eine Geschichte her, die die Leute lesen wollen? Weil es eine interessante Zeit war. Und eine lehrreiche. Ich kann wenig beschönigen und ich will es auch gar nicht. Aber missen möchte ich weder die Zeit als Arbeitsvermittlerin, noch die so gewonnene Erfahrung.

Wie alles begann

Aber erstmal von vorn: Es war einmal eine junge Mutter, die war nach der Elternzeit arbeitslos. Ihr Studium hatte sie zwar, aber sonst nicht viel und so machte sie sich blauäugig auf den Weg, um nach Arbeit zu suchen. Sie suchte hier und dort, hatte dieses Gespräch und jenes, aber nie wollte der Funke so recht überspringen. Und dann kam da die Stelle als Arbeitsvermittlerin. Die junge Frau sollte zwanzig Stunden die Woche in Gleitzeit für ein ansehnliches Gehalt von gut 1400 Euro Menschen helfen, wieder in Arbeit zu finden. Und wisst Ihr was? Sie war sofort Feuer und Flamme.

Ich wollte eigene, gute Erfahrungen weitergeben

Und jetzt kommen wir mal vom Märchen zu mir: Ich war nicht begeistert, weil ich es super finde, dass Menschen sich über Behörden ärgern. Oder weil ich total gerne zukucke, wie Leuten die Existenzgrundlage durch Sanktionen entzogen wird. Sondern weil ich selbst schon Arbeitslosengeld Zwei (Alg II) bekommen habe und den Deal fair fand: Ich gehe alle drei Monate etwa zu einem Gespräch, zeige, dass ich einen Job suche, lasse mir den ein oder anderen Tipp geben und bekomme im Gegenzug dafür den Regelsatz Alg II. Meine Arbeitsvermittlerin damals war eine wirklich nette und wirklich hilfreiche Dame und so eine wollte ich auch werden. Eine, die gute Ideen hat. Betriebsblindheit auf die Sprünge helfen kann. Herausfindet, was Menschen motiviert.

Ich schätze, mein Enthusiasmus war ansteckend, denn ich habe den Job bekommen. Das Problem daran? Naja. Ich war dann halt Arbeitsvermittlerin. Zunächst habe ich zwei Monate einem Kollegen über die Schulter geschaut und dann saß ich da. Mit meinen Kunden. Schulungen? Hatte ich zu dem Zeitpunkt noch keine. Ahnung? Tjanun.

#FrauenErzählen: Ich habe als Arbeitsvermittlerin gearbeitet
Ein Klick und einen Job vermittelt? So leicht war es leider nicht.

Aber Idealismus, davon hatte ich dennoch ganz viel. Und so wollte ich anfangen zu helfen. Mit Menschlichkeit und Herz statt Bürokratie. Aber soweit kam ich meistens nicht. Denn die wenigsten meiner Kunden wollten tatsächlich Hilfe. Genau genommen wollten eigentlich alle immer nur wieder raus. Und glaubt mir, ich habe mich ins Zeug gelegt! Ich habe gefragt und diskutiert, ich habe kaum noch Schmuck getragen und den Kleidunsstil angepasst, um es den Kunden leichter zu machen. Aber ich kam mir immer mehr vor, als hätten sie mich ausgeschickt, eine Horde wilder und misstrauischer Katzen zu dressieren. Absolut aussichtslos.

Leichter gedacht, als getan…

Mein Arbeitgeber war indes nur so mittel begeistert von mir. Denn entgegen meinem Dienstleistungsgedanken gegenüber dem Kunden, fand der nicht ganz zu Unrecht: Wer zahlt, gibt die Richtung vor. Und solange ich vom Kunden kein Honorar bekomme… Ach. Ich habe mich aber durchgebissen. Und zwar auf beiden Seiten. Es hat mich viel Kraft gekostet, aber ich hoffe inständig, dass ich in der Zeit, die ich im Jobcenter gearbeitet habe, für beide Seiten ein bisschen Gutes leisten konnte. Ich habe mich für meine Kunden eingesetzt, so gut es ging. Ich habe meine Spielräume ausgenutzt, so weit ich es nur irgendwie wagte. Und ich habe bei meinen Kollegen so oft wie möglich um Verständnis geworben.

Aber ich will nichts beschönigen: Ich habe auch sanktioniert. Ich habe Menschen, die das Existenzminimum vom Staat erhalten sollten, auf einen Leistungssatz von Null Euro sanktioniert. Ohne Übernahme der Mietkosten. Dass mich das schlaflose Nächte gekostet hat, scheint sehr albern im Vergleich zu dem, was diesen sanktionierten Menschen wohl blühte.

Regeln über Regeln

Wie es so weit kommen kann? Das frage ich mich auch oft. Aber es gibt im Behördenuniversum Regeln. Und ob man sie nun mag oder nicht: Wenn man in den Mühlen des Staates steckt, mahlt er. Man kann versuchen sich an die Regeln zu halten. Einfache Regeln. Wie: Gehe zwei Wochen jeden Tag von acht bis drei zum Bewerbungstraining. Du bekommst die Busfahrkarte gezahlt. Komme regelmäßig zu den Einladungen des Jobcenters. Gib deine Unterlagen nach Aufforderung ab. Geh zum Arzt, wenn Du krank bist und schicke dem Jobcenter die Bescheinigung. Bestätige, dass Du überhaupt noch lebst.

Oder man lässt es. Und dann? Dann hat man eine doofe Arbeitsvermittlerin, die Einladungen mit Rechtsfolgenbelehrung verschickt, wie es vorgegeben ist und daher sanktionieren muss, wenn der Kunde nicht kommt. Eine blöde Kuh, die nachforscht, was da los ist. Eine Ziege, die wissen will, ob dieser Mensch noch lebt oder ob er intensive Hilfe braucht. Und auf einmal geht es schnell.

Ich weiß nicht, was aus diesem Mann geworden ist. Aber ich weiß von anderen. Denn ich habe nicht nur die eine Sanktion verschickt. Manche Menschen sind dann doch noch gekommen. Und ich konnte ihnen viel erzählen. Darüber, wie man Sanktionen umgeht. Welche Rechte sie eigentlich so haben. Und dass man immer und gegen alles erstmal Widerspruch einlegen sollte. Denn sonst ist es irgendwann zu spät und der netteste Vermittler kann nichts mehr ändern.

#FrauenErzählen: Ich habe als Arbeitsvermittlerin gearbeitet
Schnurstracks die Karriereleiter hinauf, das habe ich vielen Kunden gewünscht.

Ich wollte doch nur helfen

Die Menschen haben aber auch mir irgendwann viel erzählt. Und ab diesem Punkt konnten wir meistens zusammen einen Weg finden, wie wir alle drei glücklich sind: Mein Arbeitgeber, der Kunde und ich. Denn auch wenn es von Außen manchmal so aussieht- die wenigsten Mitarbeiter im Jobcenter haben Spaß am Unglück anderer Leute. Dazu ist dieser Job an sich zu unglücksbehaftet. Den meisten Mitarbeitern geht es genau wie der Kunden: Sie sind misstrauisch. Sie haben sich zu oft alles möglich verbrannt, um noch unvoreingenommen auf Leute zu zu gehen. Sie haben zu viel Mist erlebt, um noch zu vertrauen.

Nachdem ich das erste Mal in meinem Büro bedroht worden bin, habe ich den Rückzug einiger Kollegen ins unfreundliche Beamtentum fast ein bisschen verstanden. Aber es nutzt ja nichts. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass ich nicht weiterkomme, wenn ich mein Schneckenhaus nicht verlasse. Meine Kunden geben nichts von sich preis, wenn ich es nicht auch tue.

Hinter jeder Geschichte steht ein Mensch

Und ganz zuletzt: Das System um und mit Alg II wird nicht besser, wenn man unentwegt nur darüber schimpft. Das einzige, was hilft, sind Verbündete in der Behörde. Echte Menschen. Und wenn dort durch Zufall solche Leute landen: Entmutigt sie bitte nicht nur wegen Ihres Jobs so sehr, dass sie es gar nicht mehr versuchen wollen. Ich hab es versucht. Ich habe viele traurige Dinge gesehen. Ich habe an unmenschlichen Dingen mitgewirkt.

Aber ich hätte auch schöne Geschichten zu erzählen. Von Müttern dreier Kinder, die alle Kraft zusammen nehmen und eine Ausbildungsstelle finden. Die mit mir zusammen die Notwendigkeit einer Fahrzeugfinanzierung durch das Jobcenter durchstehen und am Ende den Absprung geschafft haben und für sich selbst sorgen. Allein. Mit drei Kindern.

Weil Menschen irre stark sind, wenn sie motiviert sind. Und das sollte ja dieser Beruf tun: Mit den Menschen gemeinsam etwas finden, für das sie brennen und diese Kraft nutzen. Ich habe bei vielen nichts gefunden. Wahrscheinlich habe die falschen Fragen gestellt. Aber ich habe bei mir etwas gefunden: Ich brenne dafür, auch in einer Behörde idealistisch zu sein. Und ich brenne dafür, bei denen, die als unmotiviert abgeschrieben worden sind, nochmal nachzufragen, Und vielleicht doch noch etwas zu finden, was sich irgendwie als Anfang für mehr Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung nutzen lässt.

Denn jeder Mensch verdient es, glücklich zu sein.


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Bis bald und viele Grüße (diesmal) aus Deutschland,

Lara

Bilder von Pixabay: 1,2,3

 

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2 Comments

  1. Wunderbar erzählt. Ich habe eine Freundin in der Arbeitsvermittlung, die liebt ihren Job. Das finde ich wiederum super, denn das hört man selten von den Arbeitsvermittlern.
    LG
    Natalia

    1. Ja, ich fände den Text auch sofort total super, als ich ihn bekam.
      Ich kann mir vorstellen, dass es auch einen positiven Effekt auf die Kunden deiner Freundin hat, weil sie ihren Job mag.

      Liebe Grüße, Lara

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